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„Von gutem Willen und Leidenschaft kann keine Hebamme leben“

Wenn die Wehen einsetzen und im Verlauf die Geburt beginnt, dann sind viele Frauen froh, dass nicht nur ihr Mann ihre Hand hält. Hebammen lassen sich schon auf Tempelmalereien aus dem dritten Jahrtausend vor Christus finden – es ist einer der ältesten Frauenberufe. Nicht nur die Geburt, sondern auch während der Schwangerschaft und in der Zeit des Wochenbetts betreuen Hebammen die werdenden Mütter. Wissen, aber auch Einfühlungsvermögen gehört dazu, Zeit ist für diesen Beruf ein kostbares und notwendiges Gut. Denn nur so fühlen sich die Mütter und auch Väter aufgehoben. Doch die deutsche Politik macht es diesem Berufstand zunehmend schwer – kaum mehr eine Hebamme kann wirklich von ihrem Beruf leben!Hebamme Auto

Im Interview mit Hebamme Anja Constance Gaca sprachen wir über die aktuelle Situation. Zukunftsängste aber auch Wut über das Versagen der Politik treiben sie um. Denn nun haben auch noch die Haftpflichtversicherer angekündigt, ab Sommer 2015 keine Berufshaftpflichtversicherungen mehr für Hebammen anzubieten. Das bedeutet de facto das Ende des Berufsstandes, möchte man es legal und auf sichere Weise ausüben. Auf ihrem Blog hat sich die Hebamme ebenfalls dazu geäußert und ein umfangreiches Bild gezeichnet.

Aktuelle Lage: keine Haftpflichtversicherung ab 2015

Schon lange kämpfen Hebammen wahrlich ums Überleben – nicht nur um das der Babys bei einer schwierigen Geburt – sondern um ihr berufliches Überleben. Hohe Versicherungsprämien und viel bürokratischer Aufwand mit den Krankenversicherungen machen den Beruf nicht besonders lukrativ. Doch nun haben die Haftpflichtversicherer auch noch angekündigt, die Versicherungen für Hebammen ab 2015 zu streichen. Noch hoffen Hebammen aber auch Eltern auf eine Lösung. Die Situation ist ja nicht gänzlich neu, allerdings momentan so brisant wie nie zuvor. Der Protest der Eltern ist aber deutlich höher als in der Vergangenheit, so dass eine politische Lösung vielleicht doch greifbarer ist als bisher. Allerdings ist mit der Lösung des Versicherungsproblems noch nicht die unzureichende Vergütung der Hebammenarbeit in irgendeiner Art und Weise verbessert.“

Ein Job aus Leidenschaft

Der Beruf wird von vielen vor allem aus Leidenschaft ausgeübt. Die Liebe zum Leben und zu Kindern spielt eine zentrale Rolle. Auch Anja war schnell gefesselt: „In der Ausbildung zur Krankenschwester gab es auch einen Einsatz im Kreißsaal und auf der Wochenbettstation. Da war mir schnell klar, dass das mein eigentlicher Berufswunsch ist, so dass ich zusätzlich die Hebammenausbildung absolviert habe. Es gibt für mich keine vergleichbare Alternative zu diesem Beruf.“

Hebammen sind mit Herzblut bei der Sache.

Hebammen sind mit Herzblut bei der Sache.

Doch die finanzielle Situation vieler Hebammen ist schon lange prekär und die Auflagen sind enorm: „Es ist definitiv kein Job zum Reichwerden. Aber mittlerweile ist er nicht mal mehr existenzsichernd und von nur gutem Willen und Leidenschaft kann nun mal keine Hebamme leben. Da stellt sich schon die Frage, ob man in Zukunft seine Hausbesuche tatsächlich auf wirtschaftliche und auch so von den Krankenkassen empfohlene 20 bis 30 Minuten kürzt. Ich kann und will so nicht arbeiten, aber die Bedingungen werden nicht besser. Ab 2015 erhöhen sich die Auflagen zur Qualitätssicherung noch mal erheblich, was ja eigentlich eine gute Sache ist. Aber auch diese Zeit geht von der Zeit ab, die man eigentlich den Schwangeren, Gebärenden und den Wöchnerinnen widmen möchte. Wenn ich bei den Müttern bin, bin ich nach wie vor mit vollem Herzen dabei. Wenn ich Rechnungen schreibe, zweifle ich zunehmend mehr an meiner Berufswahl.“

Von Existenzängsten und Nöten

Viele Hebammen leben schon lange nicht mehr nur von ihrem regulären Einkommen. Zweitjobs oder der Lebenspartner müssen da aushelfen. Was aber, wenn der Beruf nicht weiter ausgeübt werden kann – er sich rechtlich nicht mehr sicher ausüben lässt! Auch Anja hat Sorge, auch wenn ihr Mann Christian sie unterstützt. Da unser Familieneinkommen ja auch noch von Christian mitbestritten wird, werden wir nicht gleich in dieselbe Not kommen wie Kolleginnen, die zum Teil die Alleinverdiener in der Familie sind. Aber natürlich ist es beängstigend, wenn man nicht weiß, ob man in fünfzehn Monaten noch arbeiten kann und darf. Da die Situation ja aber schon seit Jahren nicht gut für die Hebammen ist, arbeite ich schon seit Längerem in den Bereichen Fort-und Weiterbildung für medizinisches Gesundheitspersonal. Auch das Schreiben von Fachartikeln ist in der Regel besser vergütet als die originäre Hebammenarbeit.“

Beruflich umorientieren

Auch wenn die meisten Hebammen das wohl nicht wollen, müssen sich viele wohl bald umorientieren, kommen die Änderungen wirklich. Auch Anja hat schon länger einen Plan B und verdient bereits jetzt Geld mit Vorträgen oder auch Fortbildungen. Doch ihr Wunsch ist, auch zukünftig als Hebamme arbeiten zu dürfen. Wenn es keine Hebammen mehr gibt, kann ich wahrscheinlich hauptberuflich mit meiner Zusatzqualifikation als Still-und Laktationsberaterin IBCLC arbeiten, denn schon jetzt melden sich so viele Frauen mit Stillproblemen, weil sie keine Hebamme mehr haben und auch in den Kliniken zu wenig Zeit für gute Beratung ist. Aber ich bin Hebamme und möchte weiterhin Frauen in dieser an sich sehr gesunden und schönen Lebensphase des Mutterwerdens allumfassend begleiten und nicht ausschließliche Ansprechpartnerin für Stillprobleme sein. Deshalb hoffe ich inständig auf eine baldige gangbare Lösung.“

Wir bedanken uns bei Anja für Interview und Bilder!

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