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Womensvita

Frauen gefangen zwischen Familie und Karriere

Kommen wir gleich zum Punkt: Ist der Mythos über die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern nur eine einzige große Lüge? Wir sprachen mit Karriereexpertin Barbara Hofmann-Huber und stellen erstaunt fest: Frauen dürfen Frauen bleiben.

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Karrierekampf und Familienfürsorge laugen viele Frauen aus.

Kann uns die Expertin aufklären?

Karriereexpertin Barbara Hofmann-Huber beschäftigt sich seit Jahren mit den in der heutigen Gesellschaft viel thematisierten „Frauen in Führungspositionen“ und bietet auf ihrer Homepage Einzelcoachings und Seminare für Frauen an. Ihr begegneten dabei sowohl beruflich als auch privat Themen wie Familienverantwortlichkeit und Karriere und so entwickelte sie umfangreiche Kompetenzen auf dem Gebiet. Sie scheint also der perfekte Ansprechpartner zu sein, wenn es um eine der bedeutendsten Fragen unserer Zeit geht: Kann Frau Karriere und Familie harmonisch vereinen?

Mehrere Spiegel-Erfahrungsberichte sagen „Nein“ beziehungsweise „Noch nicht“. Der Weg zu einer harmonischen Vereinbarung von Kindern mit den eigenen Berufszielen sei trotz familienfreundlich anmutender Unternehmen noch sehr weit. Für ZEIT Online beschreiben zwei männliche Redakteure und Familienväter sehr anschaulich ihren Berufs-Familienspagat und nennen es das „Leben in der Hölle“. Wie sieht es dann erst für Frauen aus, die schließlich die Kinder gebären müssen?

Ticken Frauen anders?

Frauen agieren in der Berufswelt anders als Männer, das hat auch Frau Hofmann-Huber erkannt. Doch was genau macht den Unterschied aus? Anhand der Frauen, die ihre Coachings mitmachen, hat Barbara eine Art „Typ“ Frau festmachen können.

Womensvita: Hat sich im Laufe Ihrer Coaching-Karriere ein bestimmtes Muster der Frauen abgezeichnet, also gewisse Ähnlichkeiten bei den Teilnehmerinnen oder ist es von Teilnehmerin zu Teilnehmerin unterschiedlich?

Barbara Hofmann-Huber: Jede Frau ist sehr individuell. Dennoch gibt es thematische Muster:

  • Der Fokus liegt zuerst auf dem Inhalt, dann auf der Selbstpräsentation.
  • Der Wunsch nach Wertschätzung ist hoch und die Fähigkeit der Selbstwertschätzung sowie die Fähigkeit, sich Respekt zu verschaffen, sind geringer ausgeprägt. Daher fordern Frauen zu wenig ein.
  • Frauen fühlen sich für Bindungen sehr verantwortlich, vor allem gegenüber eigenen Kindern. Sie bringen dies jedoch nicht genug als eine wertvolle Kompetenz an die Öffentlichkeit. Sie wünschen sich Verständnis. Sie informieren jedoch zu wenig darüber, was sie in der Familienverantwortung leisten.
  • Frauen messen sich selbst zu sehr an maskulinen Erfolgsmustern. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt darauf, Frauen (in Führung) sowohl zu vermitteln, wie sie feminine Kompetenzen verbalisieren und sichtbar machen können, als auch wie sie maskuline Strategien erkennen, durchschauen, erlernen und auch umgestalten können.

Karriere-Ich versus Mama-Ich: Prioritäten setzen als Erfolgsgarant?

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Muss man sich als Frau eigentlich immer entscheiden müssen?

Der Konflikt zwischen Beruf und Familie liegt tief in uns Frauen verwurzelt. Auf der einen Seite steht das Verlangen nach Unabhängigkeit und beruflicher Anerkennung, doch am Ende siegt meist der evolutionär nicht zu verdrängende Kinderwunsch. Kurz: Wir wollen alles machen und zwar gleichzeitig und kompromisslos und perfekt. Vielleicht liegt der erste Schritt zur Besserung in der Erkenntnis, dass das nun mal nicht möglich ist. Aber wie geht es dann? Manchmal ist es wohl nur eine Sache der richtigen Organisation der zwei Welten Beruf und Familie.

Immer mehr Frauen machen Karriere, nehmen Führungspositionen ein und sind darin erfolgreich. Zudem wollen sie eine Familie gründen und Kinder bekommen, deren Erziehung sie gerecht werden wollen und mit denen sie viel Zeit verbringen möchten. Selbstverständlich soll dabei die Zeit für sich selbst nicht auf der Strecke bleiben. Wie kann ich als Frau meine Zeit ideal einteilen?

Der Dreh- und Angelpunkt ist die Selbststeuerung. Die gelingt, wenn die Frau das, was sie bedenkt, fühlt und mitfühlt, tut, organisiert und strukturiert selbst achtet und für dessen Achtung aktiv eintritt. „Tue Gutes und rede darüber“ gilt nicht nur für berufliche Leistung. Solange es Frauen nicht gelingt das, was ihnen so wichtig ist – die Gestaltung von Bindung auf der die Leistungsfähigkeit von Kindern, aber auch Erwachsenen erst gedeiht – zu benennen, wird es eben von der Öffentlichkeit nicht gesehen.

Frau Hofmann-Huber, wie setze ich die richtigen Prioritäten?

Frauen müssen bei sich selbst und der eigenen Regenerations- und Leistungsfähigkeit ansetzen. Sie dürfen keine überhöhten Ansprüche an sich selbst haben und nicht die Ansprüche der anderen übernehmen. Vielmehr müssen sie das, was ist, auch benennen und zeigen, seinen Wert hervorheben.

Meistens kommt man selbst ja doch zu kurz. Wie schafft man es, sich einmal wirklich nur für sich Zeit zu nehmen?

Wenn Frauen erkennen, dass sie der Dreh- und Angelpunkt sind, dann sorgen sie auch gut für sich. Je entspannter die Eltern, umso entspannter die Kinder – das gilt auch für eine gelingende Partnerschaft. Die Fähigkeit zur Entspannung ist heute eine Kompetenz. Selbstmanagement und Resilienz sind nicht nur Modebegriffe. Konkret: Zeit nehmen heißt: das, was ist, mit Aufmerksamkeit wahrzunehmen und dadurch zu genießen. Selbst Freude an dem haben, was gerade geschieht.

Und wie geht der Spagat in der Praxis?

Haben Sie als Expertin Tipps für die Alltagsorganisation? Soll ich einfach etwas Verantwortung abgeben?

Für mich ist das eine schrittweise zu entwickelnde Struktur:

  • Wahrnehmen, was einem Freude macht und wie lange das dauert
  • Das, was keine Freude macht, möglichst abgeben
  • Bei dem, was Freude macht, überprüfen, ob es jemand anders nicht auch tun könnte und dadurch Freiräume für anderes Schönes bleiben
  • Das, was keine Freude bereitet, sehr gezielt strukturieren und so in den Tag einbauen, dass dessen Erledigung Freude mit sich bringt

Freude verstehe ich dabei als ein gefühltes Ergebnis, das entsteht, wenn wir das eigene Leben selbst gestalten. Flow ist der Fachbegriff dafür.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wir halten die Kernpunkte der Vereinbarung von Familie und Beruf fest:

  • Prioritäten setzen, und zwar anhand der eigenen inneren Stimme
  • Erkenntnis, dass man selbst der Dreh- und Angelpunkt der eigenen Familie und Karriere ist à in erster Linie sich selbst stärken
  • Aktive Selbststeuerung und Organisation
  • Selbstbewusstsein ausstrahlen
  • Kommunikation: Verbalisierung von dem, was ich tue und kann, und zwar nach innen und außen
  • Freude für das empfinden, was ich tue und das, wofür ich keine Freude empfinde, aus meinem Alltag ausschließen
  • Arbeit an der Selbstpräsentation und Rhetorik
  • Gelungenes Ziel- und Zeitmanagement
  • Übung im Umgang mit Konfliktsituationen à Resilienz entwickeln
  • Hilfe und Unterstützung holen

 

Shutterstock.com/racorn/Creativa

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